"Werte und Wertewandel –
Auswirkungen für den Offizier"

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In den westlichen Industrienationen und damit auch in unserem Land ist seit Jahrzehnten ein Rückgang traditioneller Wertvorstellungen spürbar. Alte Werte steigen ab, neue treten an ihre Stelle. Von der Sozialwissenschaft wird diese Erscheinung mit dem Begriff des Wertewandels beschrieben, der sich zuerst anhand von Einstellungsänderungen in der Arbeits- und Berufswelt und später auch auf andere Bereiche der Gesellschaft übergreifend beobachten ließ.

Gesellschaftliche Bedingungen.

Deutschland präsentiert sich derzeit als moderner, leistungsfähiger Industriestaat mit weltweiten Verflechtungen. Seine Gesellschaft befindet sich allerdings – wie alle hoch entwickelten Industriegesellschaften auch – bereits im Übergang zur "nachindustriellen Gesellschaft". Damit werden bisher vorherrschende Wertorientierungen und Verhaltensweisen der industriellen Gesellschaft mehr und mehr in Frage gestellt, relativiert oder sogar ersetzt. Davon wiederum bleiben auch die Streitkräfte nicht unberührt.

Die Beziehungen zwischen kulturellem Wandel und Wertewandel

Moderne Gesellschaften sind heute hochgradig arbeitsteilig, differenziert und unübersichtlich. Sie verfügen über eine Vielfalt von Lebens- und Verhaltensweisen, die in unterschiedlichen, sich verändernden Wertvorstellungen Ausdruck finden.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hat der wirtschaftliche, technologische, politische und soziale Wandel die Kulturen der Industriegesellschaften in vielen Bereichen entscheidend verändert. In dem Maße, wie die jüngere Generation mit modernen Einstellungen in der Gesellschaft nachrückt und die ältere Generation mit ihren eher traditionellen Wertvorstellungen ablöst, verändern sich auch vorherrschende Anschauungen.

Diese Veränderungen haben weitreichende Folgen, denn der kulturelle Wandel beeinflusst die Inhalte der politischen Auseinandersetzungen ebenso wie die Ursachen politischer und gesellschaftlicher Konflikte sowie ihre Einstellungen zu Arbeit und Freizeit.

Was kennzeichnet nun diesen Wandel in unseren hoch entwickelten Gesellschaften?

Im Hinblick auf die Beschäftigungsstruktur ist eine fortlaufende Verlagerung von industrieller Beschäftigung in den Dienstleistungssektoren festzustellen.

Damit verbunden ist – nicht zuletzt aufgrund einer starken Wohlstandssteigerung breiter Bevölkerungskreise – ein stetiger Übergang von der Arbeits- zur Freizeit- und Konsumgesellschaft. Der Anstieg des allgemeinen Bildungs-, Ausbildungs- und Informationsniveaus der Bevölkerung stellt ebenso ein konkretes Merkmal der Entwicklung dar wie die Zunahme, Bündelung und Verfügbarkeit des Wissens durch komplexe Systeme der Informationsgewinnung und –verarbeitung. Dem stehen jedoch mit einer stetig zunehmenden Arbeitsteilung und der immer stärker werdenden Individualisierung in der Gesellschaft sowie mit der Informationsüberflutung durch Massenmedien charakteristische Kennzeichen einer bereits hoch entwickelten Industriegesellschaft entgegen, die nicht selten den Verlust von Überschaubarkeit und Orientierung zur Folge haben.

All diese Merkmale charakterisieren einen Werte- bzw. Werteorientierungswandel. Zunächst noch zur Erläuterung des Begriffes "Werte":

Unter dem Begriff "Werte" wird in diesem Zusammenhang all das zusammengefasst und verstanden, was in der Gesellschaft als Wert anerkannt, empfohlen, geachtet und so de facto zum Entscheidungs- und Orientierungsmaßstab für soziales Handeln wird.

"Zentrale Werte", die die Zustimmung einer Mehrheit finden, gewährleisten als allgemein anerkannte Bezugswerte den Zusammenhalt und die Kontinuität der Gesellschaft und des Systems. In einer Industriegesellschaft gelten Arbeit, Disziplin und wirtschaftliche Leistung unbestritten als solche zentralen Werte, als Grundpfeiler, auf dem andere Werte wie Fortschritt und Wohlstand aufbauen, die durch Tradition, Erziehung und Sozialisation weiter vermittelt werden.

Werte haben für das Zusammenleben von Menschen zentrale Bedeutung. Handeln, Verhalten und letztlich alle Entscheidungen von Menschen vollziehen sich werteorientiert.

Eine Gesellschaft aber, die sich insgesamt nicht mehr auf eine gemeinsame Wertebasis berufen kann, verliert den inneren Zusammenhalt und kann als solche nicht überleben, weil kein gemeinsames soziales Verständnis mehr existiert.

Das Grundgesetz – unsere Verfassung – ist Ausdruck eines gemeinsamen Grundkonsenses des Staatsvolkes. Es bringt dessen Wertvorstellungen in juristischen Normen rechtsverbindlich zum Ausdruck. Ausdruck eines Grundkonsenses zu sein, heißt aber auch gleichzeitig, eine Werteordnung zu errichten, die Werte- und Meinungspluralismus zulässt.

 

In pluralistischen Gesellschaften (wie z.B. in Deutschland) tritt nun das Problem auf, dass diese weder über ein verbindliches, in sich geschlossenes Wertesystem noch über eine unangefochtene Wertehierarchie verfügen, sondern sich vielmehr durch Wertestrukturen, die auch in Konkurrenz miteinander stehen, bedingen. Daraus entstehende unterschiedliche Wertvorstellungen beschleunigen damit zusätzlich einen Wertewandel, der damit nicht nur durch einen Generationswechsel, sondern auch durch die Veränderungen der Lebenszusammenhänge und der Bildungsstrukturen in einer Gesellschaft hervorgerufen wird.

Werteveränderung und die damit verbundenen Veränderungen in der Gesellschaft

Waren in der Nachkriegszeit für die deutsche Gesellschaft das Schaffen materieller Werte (Stichwort "Wohlstandsgesellschaft") Priorität, so lässt sich bei der jüngeren Generation feststellen, dass nicht länger die Betonung des rein materiellen Wohlergehens und der physischen Sicherheit eine zu beobachtende ist, sondern eine verstärkte Bedeutsamkeit von Werten, die im Zusammenhang mit einer Erhöhung der Lebensqualität stehen wie z.B.: Gestaltungsfreiheit, interessante Tätigkeit, Identifikation mit der Aufgabe und Vereinbarkeit mit persönlichen Interessen. Daraus erwachsen Motivation, Engagement und Zufriedenheit.

Die so genannten Pflicht- und Akzeptanzwerte wie Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung, Ordnung, Fleiß und Bescheidenheit haben an Bedeutung verloren, während die Selbstentfaltungswerte wie Selbstverwirklichung, individuelle Freiheit, Mitbestimmung und Beteiligung, Kreativität, Lebensfreude, Toleranz, Ungebundenheit, Kritikfähigkeit und Selbstverantwortung stärker in den Vordergrund treten.

Der Niedergang religiöser Moral- und Tugendlehren beschleunigt sich. Die typische Wertegesinnung orientiert sich am Jetzt und an der Zukunft, am individuellen Freiheits- und Glücksstreben und an sozialer Offenheit. Dagegen wird religiösen, bürokratisch-hierarchischen, obrigkeitlichen, nationalen und historisch-traditionalen Wertangeboten die Legitimationsbasis gekürzt. Kritisches Bewusstsein, persönliche Protestbereitschaft und unkonventionelle politische Aktivitäten wachsen. Dagegen nehmen persönliche Hinnahmebereitschaft und damit die Steuerungsmöglichkeiten etablierter Herrschaft ab.

Es gibt keinen Wert, der nicht auch bestritten werden kann.

Die Demokratie lebt vom Konflikt wie vom Konsens gleichermaßen.

Werte werden auch gesetzt. "Es ist immer die menschliche Subjektivität, die die Werte setzt. Wenn aber irgendwelche Werte gesetzt werden, so werden diese Werte prinzipiell anderen Werten entgegengesetzt." 1

 

"Das Beschwören und Setzen von Werten ist darum keine Form der Konfliktschlichtung, sondern eine Konfliktschaffung. Die Werte setzen sich nicht von selbst durch, sondern Werte rufen nach ihrer Verwirklichung. ... Diejenigen Werte siegen, hinter denen die größte Macht zur Wertdurchsetzung steht." 2

Die Frage ist nur, ob wir uns noch über Werte verständigen können.

Etablierte Herrschaftssysteme stellen den Wertewandel gerne als Werteverlust dar. Der Wertewandel in der Gesellschaft bedeutet aber nicht gleich einen Verlust von Werten bzw. ein Fallenlassen alter Werte bei gleichzeitigem Schaffen neuer Werte. Bei Umbewertung vorhandener Wertvorstellungen ändert sich die Rangfolge von Werten. Werte ändern sich, weil Menschen und Gesellschaften sich verändern. Der Wertewandel stellt einen vielfältigen Prozess von Veränderungen in gesellschaftlichen Teilbereichen dar, ein Prozess, der durch Spannungen gekennzeichnet ist. Auf die Berufs- und Arbeitstätigkeit des Menschen bezogen, nimmt der Leistungsgedanke in großen Teilen der Bevölkerung inzwischen eine andere Qualität an. Bei der Berufswahl/-suche sind Kriterien wie Gehaltshöhe und Karrierechancen nicht mehr unbedingt im Vordergrund. Gestaltungsfreiräume, Vereinbarkeit mit privaten Interessen, - wie viel Freizeit steht zur Verfügung -, spielen oft die entscheidende Rolle. Das monatliche Gehalt wird oft von Arbeitnehmern nicht mehr nur als Lohn für geleistete Arbeit, sondern auch mehr und mehr als Entschädigung für entgangene Freizeit gesehen.

Schlagwortartig noch einige weitere Auswirkungen des Wertewandels:

Informationsüberflutung durch Massenmedien führt zur Orientierungslosigkeit und dem Bedürfnis zu kurzer, überschaubarer Informationsdarstellung. Dadurch besteht die Gefahr der Manipulation!

Das Vertrauen der Bevölkerung in Wissenschaft, Forschung und wirtschaftliches Wachstum nimmt ständig ab. Der Zusammenhang von Technik und ihren Folgen wird zunehmend kritisch betrachtet. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen (Bevölkerungsexplosion, maßloses Verbrauchsverhalten) werden realisiert, Umdenkprozesse werden erkennbar, neue Werte wie Umweltbewusstsein greifen Platz.

Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Streitkräfte

Die Bundeswehr kann heute als hochkomplexe Organisation und moderne Armee in einer Demokratie bezeichnet werden. Als (sicherheits-) politisches Machtinstrument des Staates scheint die Bundeswehr, aufgrund der Doppelfunktion ihrer (militärischen) Angehörigen – Staatsbürger und Soldat – in ihr ziviles Umfeld voll integriert zu sein.

In der Realität ist es für die Bundeswehr nicht immer leicht, gleichzeitig die Armee eines Staates und die einer Gesellschaft zu verkörpern. Wegen des Primats der Politik, dem die Bundeswehr als staatliches Machtinstrument unterworfen ist, bleibt es ihr verwehrt, sich parteilich in Konflikte zwischen staatlicher Politik und individuellen Bedürfnissen bzw. Befürchtungen einzumischen. Aus diesem Grund kann sie es auch nicht verhindern, dass sie von den an der Auseinandersetzung Beteiligten jeweils verschieden wahrgenommen wird.

Keine demokratische Gesellschaft kann sich aber in ihrer Mitte eine Institution leisten, die mit dem Gewaltmonopol ausgestattet ist und andere Werte vertritt als die Gesellschaft selbst!

Der Wandel in offenen, demokratischen Industriegesellschaften ist normal und ständige wirtschaftliche, industrielle Innovation ist wesentliches Charakteristikum solcher Gesellschaften. Stillstand wäre praktisch Rückschritt. Damit ändern sich auch mehr oder weniger auffällig Richtwerte und Maßstäbe gesellschaftlicher Wertekultur. Mit den Generationswechseln werden Veränderungen auch biologisch vorgegeben. Darüber hinaus sprechen wir, wenn von demokratischen Gesellschaften gesprochen wird, auch von pluralistischen Gesellschaften. Dies bedeutet nichts anderen, als dass Wertepluralismus und auch Wertekonkurrenz mit dazu gehören. Dennoch haben Werte und Moralstandards nicht generell ihre Legitimations- und Steuerfunktion gegenüber individuellem und gemeinschaftlichem Handeln verloren. Grundwerte ��ndern sich kaum, sie werden von verschiedenen Menschen oder Gruppen in unterschiedlichen Wertehierarchien gelebt.

Als Mitglied der Gesellschaft hat sich der Offizier (wie der einzelne Soldat) heutzutage nicht nur mit der Pluralität von Werten auseinander zu setzen, innerhalb derer eine Ordnung gefunden werden muss, sondern er muss sich zusätzlich zu dieser Wertepluralität dem Spannungsverhältnis von zivilen Werten und militärischen Pflichten stellen.

Da die Soldaten unserer Streitkräfte als verantwortungs- und pflichtbewusste "Staatsbürger in Uniform" sich ihrem eigenen politischen und sozialen System gegenüber nicht gleichgültig verhalten, sondern zu ihm stehen, müssen sie sich der Unterschiede zwischen den zivilen und militärischen Anforderungen an das Individuum sowie zwischen zivilen Werten und militärischen Pflichten bewusst sein und diese aushalten.

Den Anpassungsmöglichkeiten der Streitkräfte an den gesellschaftlichen Wandel sind Grenzen gesetzt: "Wegen der Besonderheiten des militärischen Dienstes können Entwicklungen in der Gesellschaft nicht ohne sorgfältige Prüfung in die Bundeswehr übernommen werden. Andererseits sind die Erfordernisse des militärischen Dienstes kein Maßstab für die Gesellschaft." 3

Eine offenbar nicht aufzuhaltende Entfremdung zwischen Streitkräften und Gesellschaft war auch eine große Sorge der so genannten Jacobsen-Kommission 1991:

"Fortschreitender gesellschaftlicher Wertewandel wird die Streitkräfte in eine Art »Wertespagat« zwingen. Traditionelle soldatische Tugenden, die auch Verhaltenssicherheit erzeugen sollen, werden zurückgedrängt und von zivilen Normen und Wertorientierungen überlagert. Prinzipiell wächst die Sorge, dass der allmähliche Bedeutungsverlust des traditionellen soldatischen Pflicht- und Dienstverhältnisses und die Überlagerung durch zivile Verhaltensmuster, die vom Streben der jüngeren Generation nach Selbstentfaltung geprägt sind, zu Spannungen und damit die Dienstbereitschaft der Soldaten und letztlich auch die militärische Einsatzbereitschaft verringern.

Die Streitkräfte müssen sich also darauf einstellen, dass die für ihre Funktionsfähigkeit bisher für unverzichtbar gehaltenen Werte Gehorsam, Disziplin, Gemeinschaftsgefühl, Pflichtbewusstsein und die Selbstlosigkeit im Dienen im allgemeinen Bewusstsein an Verbindlichkeit verlieren." 4

Sind die Sorgen und Befürchtungen eingetreten oder ist gar eine Entfremdung zwischen Streitkräften und Gesellschaft eingetreten?

Mit der Konzeption der Inneren Führung – unserer Unternehmens- und Führungsphilosophie in den Streitkräften – verfügt die Bundeswehr von Anfang an in der Streitkräfteentwicklung über einen "Trendsetter".

Innere Führung ist die Konzeption, die die Streitkräfte bei der Erfüllung des Auftrages an die Werteordnung des Grundgesetzes bindet. Sie hat die Aufgabe, die Spannungen auszugleichen und ertragen zu helfen, die sich aus den individuellen Rechten des freien Bürgers einerseits und den militärischen Pflichten andererseits ergeben.

Das heißt:

Der Soldat der Bundeswehr soll nicht nur Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer verteidigen, sondern soll seine Rechte und seine Freiheit auch im täglichen Dienst erleben.

Damit wird deutlich, dass Innere Führung einen doppelten Zweck verfolgt; der eine ist nach außen in die Gesellschaft, der andere nach innen in die Streitkräfte gerichtet. Innere Führung ist zum einen Gestaltungsprinzip für die Innere Ordnung der Streitkräfte und die Beziehungen zwischen Bundeswehr, Staat und Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist sie eine Führungslehre für die Menschen in den Streitkräften, das heißt für das Verhalten der Soldaten und ihren Umgang miteinander. Der Staatsbürger in Uniform steht für das Leitbild, an dem sich militärische Führung, Ausbildung und Erziehung in den Streitkräften zu orientieren haben.

Für alle Staatsbürger gilt sinngemäß:

"Es ist selbstverständlich, dass eine Nation nach dem Ende einer Diktatur die Gewährleistung der Grundrechte – in der Sprache der Vereinten Nationen (VN) "Menschenrechte" genannt – als eine ihrer vordringlichsten Aufgaben anpackt [....] Wenn aber jedermann ausschließlich seine eigenen Rechte verfolgte und keinerlei Pflichten und Verantwortungen akzeptierte, dann kann ein Volk und sein Staat – oder die Menschheit als ganze – in Feindschaften, in Konflikte und schließlich ins Chaos verfallen." 5

Friedrich der Große: (1712 – 1786)

"Es ist die Pflicht eines jeden Staatsbürgers, seinem Vaterland zu dienen, zu bedenken, dass er nicht für sich allein auf der Welt ist, sondern für das Wohl der Gesellschaft zu arbeiten hat, in die ihn die Natur gestellt hat."

Vom Soldaten werden aber zusätzliche Pflichten und Tugenden verlangt, die im Soldatengesetz, das man als Grundgesetz der Bundeswehr bezeichnen kann, verankert sind.

Die §§ 7 und 8 des Soldatengesetzes haben hier präzisierenden Charakter.

  • § 7 Grundpflicht des Soldaten: "Der Soldat hat die Pflicht, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen" 6
    Es ist die Pflicht, die in ihrer Gesamtheit den Soldaten charakterisiert und ihn von anderen Berufen in der Gesellschaft unterscheidet.

  • § 8 Eintreten für die demokratische Grundordnung: "Der Soldat muss die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes anerkennen und durch sein gesamtes Verhalten für ihre Erhaltung eintreten." 7

  •  Im § 6 SG heißt es: "Der Soldat hat die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie jeder andere Staatsbürger. Seine Rechte werden im Rahmen des militärischen Dienstes durch seine gesetzlich begründeten Pflichten beschränkt." 8

Im Spannungsbogen von Ordnung und Freiheit, dem jede Armee unterliegt, hat man der Freiheit Priorität gegeben und auch für den Soldaten wird sie nur gesetzlich eingeengt, wo es die Erfüllung des militärischen Auftrages gebietet. Im Soldatengesetz sind klare Forderungen an den Soldaten formuliert, die an überlieferte Soldatentugenden anknüpfen, nunmehr aber als Pflichten bezeichnet worden sind. Sie sind als gesetzliche Pflichten normiert worden. Ein Verstoß gegen diese Pflichten ist eine Gesetzesübertretung.

Folgende Tugenden/Pflichten sind für den Soldaten der Bundeswehr rechtsverbindlich: Treue, Tapferkeit, Eintreten für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, Gehorsam, Kameradschaft, Wahrheitspflicht, Verschwiegenheitspflicht, Disziplin und die Gewährleistung des Ansehens der Bundeswehr sowie Gesunderhaltung.

Für die Vorgesetzten treten hinzu: Beispiel geben in Haltung und Pflichterfüllung, Dienstaufsicht, Disziplin der Unterstellten gewährleisten, Fürsorge, nur rechtmäßige Befehle erteilen, Zurückhaltung zu wahren, um das Vertrauen der Unterstellten zu gewährleisten.

Der Soldatenberuf ist zum Beispiel der einzige Beruf, in dem Tapferkeit als gesetzliche Pflicht festgelegt ist.

Es gibt daher für alle Soldaten Pflichten, die weit über diejenigen hinausgehen, die von zivilen Bürgern verlangt werden. Hier liegen auch die Unterschiede zwischen Streitkräften und Gesellschaft. Der Soldatenberuf verfügt über Eigenständigkeiten, es gilt somit, mit Unterschieden zu leben.

Das heißt aber nicht, dass Soldaten Wertvorstellungen aus einer eigenen Welt beziehen; die Wertvorstellungen des Soldaten leiten sich, wie für jeden Staatsbürger, aus dem Grundgesetz ab. Nicht andere Wertvorstellungen begründen die Eigentümlichkeiten des Soldaten, sondern die Verhaltensweisen (Einhaltung der Pflichten), die für die Erfüllung des militärischen Auftrages erforderlich sind. Die Eigenständigkeiten des Soldaten sind funktionsbedingt und nicht aufhebbar.

Die Tugenden, die die Rolle des Soldaten mehr als jede andere soziale Rolle verlangt, sind zeitlos und daher im Grunde immer dieselben geblieben.

Grundlegend verändert haben sich jedoch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen soldatische Tüchtigkeit und soldatische Tugenden/Pflichten zu üben sind.

Tugenden/Pflichten werden nicht für sich alleine umsetzbar, sondern erst im Bezug "zu etwas anderem".

"Treue" und "Tapferkeit" zum Beispiel erhalten erst durch den Bezug zu den Werten des Grundgesetzes ihre Bedeutung und ihren realen Wert.

Im Folgenden möchte ich kurz skizzieren, was für den Offizier nach wie vor von Bedeutung bleibt:

 

Grundwerte des Offizierberufs

Der Offizier

  • gründet sein Handeln auf der Basis der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland und richtet seine Handlungen danach aus;

  • erfasst unterschiedliche und unvermutete Situationen sachgerecht, er beurteilt sie im Blick auf moralische und rechtliche Prinzipien und trifft seine Entscheidungen mit Besonnenheit und Klugheit;

  •  tritt – wie alle anderen Soldaten der Bundeswehr – als Soldat für die Menschenrechte, das Grundgesetz und die Charta der Vereinten Nationen ein. Er fühlt sich in seinem soldatischen Tun immer als Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland. Nach außen bringt er dies durch seine persönliche Tapferkeit, sein vorbildliches Auftreten und letztlich seine Bereitschaft, Gesundheit und Leben bei der Erfüllung seines Auftrages einzusetzen, zum Ausdruck.

Im Vorleben der Werte gibt der Offizier in besonderer Weise ein Beispiel in Haltung und Pflichterfüllung. Aber auch in begleitendem Erklären seines Handelns und Vermittlung der Werte und Normen gegenüber seinen unterstellten Soldaten füllt er das Leitbild des "Staatsbürgers in Uniform" mit Leben.

Staat

Der Offizier:

  • dient der Aufgabe der Daseinsvorsorge, die der Staat seinen Bürgern bereitstellt. In seiner besonderen Treue- und Gehorsamspflicht gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und in Verbindung mit seiner Professionalität und Flexibilität begreift er sich als wirkungsvolles und schnell ausführendes Teil der Exekutive;

  • erkennt im Einsatz die erforderlichen und angemessenen Mittel, um im Sinne der politischen und militärischen Führung Frieden zu erhalten, zu schaffen oder wieder herzustellen.

Gesellschaft

Der Offizier:

  • erkennt die Menschenrechte als verpflichtend für das Zusammenleben in einer freiheitlichen Gesellschaft an. Er ist bereit und fähig, charakterliche Eigenschaften und Grundhaltungen zu entwickeln, die für die Gewährleistung der individuellen Menschenrechte hilfreich und förderlich sind. Er respektiert und bejaht die Verfahren demokratischer Entscheidungsfindung und entwickelt politische Urteilsfähigkeit;

  • ist fähig und bereit, seine individuelle Berufsentscheidung zu begründen und diese gegenüber den von seiner Entscheidung Betroffenen zu rechtfertigen und sich mit Einwänden und Kritik sachgerecht auseinander zu setzen. Er entwickelt das Vermögen, Situationen sachgerecht im Blick auf militärische Erfordernisse und moralische und rechtliche Prinzipien zu beurteilen und geeignete Entscheidungen zu treffen;

  • er respektiert die kulturelle Pluralität, toleriert die Überzeugungen anderer Menschen und vertritt überzeugend seinen eigenen Standpunkt. Dabei ist er grundsätzlich offen für neue Argumente. Er anerkennt andere Menschen als Träger von Rechten, die seiner Verfügung entzogen sind. Er bejaht den Rechtsstatus seiner unterstellten Soldaten und ist sensibel für Verletzungen ihrer Rechte und legitimen Interessen;

  • er ist in der Lage, Personen unvoreingenommen zu behandeln, gerade auch diejenigen, deren Überzeugungen und Lebensphilosophie er nicht teilt;

  • er ist sich der Konflikte und Spannungen bewusst, die zwischen den Erfordernissen des militärischen Dienstes sowie den individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen entstehen;

  • er ist deshalb fähig und bereit, wann immer möglich einen Ausgleich zu schaffen zwischen den individuellen Ansprüchen seiner unterstellten Soldaten und den Erfordernissen des militärischen Dienstes;

  • gegenüber seinen Soldaten ist der Offizier stets gesprächsbereit und steht deren Fragen und Anregungen offen gegenüber. Betreuung und Fürsorge als Anwendungsbereiche der Inneren Führung gegenüber fühlt sich der Offizier im Besonderen verpflichtet, weil dann das Wohl seiner unterstellten Soldaten sowie deren Bedürfnisse und legitimen Interessen Berücksichtigung finden.

  • er hat grundlegende Kenntnisse im Bereich der Menschenführung erworben und wendet diese in seinem Verantwortungsbereich selbstbewusst an. Er ist sich der großen Bedeutung und Wirkung seines persönlichen Vorbildes bei seinen Soldaten und dessen Auswirkungen auf die Motivation und Leistungsfähigkeit seines militärischen Umfelds bewusst;

  • er stärkt neben seinem vorbildlichen Verhalten seine Autorität durch die Vervollkommnung und Erweiterung des für seinen Dienstposten notwendigen Fachwissens. Aktuelles, umfassendes Wissen sowie Flexibilität sind Voraussetzungen für angemessenes, korrektes Verhalten in Anbetracht eines sich weiterhin im Fluss befindlichen uneinheitlichen Einsatzbildes;

  • Maßstäbe für seine Entscheidungen bilden auch in kritischen Lagen und ethischen Grenzsituationen seine berufsethischen Grundeinstellungen, Recht und Gesetz sowie die Grundsätze der Inneren Führung. Dabei ist die letzte Instanz seiner Entscheidung immer sein eigenes Gewissen. Glaubwürdigkeit und Beständigkeit sind wesentliche Voraussetzungen, um personale Autorität zu gewinnen.

  • führt im Einsatz/Gefecht nach dem Prinzip der Auftragstaktik unter Beachtung des geltenden Rechts sowie Anwendung der Grundsätze zeitgemäßer Menschenführung. Dabei ist die Verantwortung des militärischen Führers unteilbar. Auftragstaktik setzt ein hohes Maß an Vertrauen, gute Ausbildung und Kenntnisse über die Stärken und Schwächen der Soldaten sowie Loyalität voraus. Dabei kommen seinem Verantwortungsbewusstsein und seiner Willensstärke sowie seiner Urteilskraft und seinem fachlichen Können eine ausschlaggebende Bedeutung zu.

 

Technik

Der Offizier:

  • steht neuen Technologien grundsätzlich offen gegenüber. Er prüft deren Leistungsfähigkeit und ihre Auswirkungen auf die Erfüllung des militärischen Gesamtauftrages und ihre Nützlichkeit bei der Durchführung seines eigenen Auftrages. Die Fähigkeiten und Kenntnisse seiner Soldaten in der Anwendung neuer Technologien schließt er in seine Überlegungen ein.

 

Ökonomie

Der Offizier:

  • berücksichtigt im Dienst die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Kostenorientierung und schöpft Rationalisierungspotenziale in seinem Verantwortungsbereich aus;

  • steht der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und den Verbänden aufgeschlossen gegenüber und nützt diese zielorientiert zur Erfüllung seines Auftrages;

  • setzt dabei die Transparenz seiner Entscheidungen als Motivationsfaktor gegenüber seinen Soldaten ein; dabei berücksichtigt er auch die möglichen nachteiligen Auswirkungen ökonomischen und kostenorientierten Handelns auf die Auftragserfüllung sowie auf immaterielle Werte; aus Fürsorge, Tradition und Kameradschaft wirkt er einer möglichen Verdrängung dieser Werte entgegen;

  • er erwirbt die mit der zunehmenden Ökonomisierung einhergehenden neuen Verfahren, Methoden und Abläufe im Rahmen seiner fachlichen Ausbildung; darüber hinaus ist er auch von sich aus um die Erweiterung ökonomischer Kenntnisse bemüht;

  • überprüft im Rahmen seiner Auftragserfüllung beständig auch den ökonomischen und schonenden Einsatz der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen und ist für Verbesserungsvorschläge seiner Soldaten hinsichtlich des effizienten Einsatzes offen.

 

Multinationalität

Der Offizier:

  • vertritt die deutschen Interessen und die Grundsätze deutscher Sicherheitspolitik mit der notwendigen Klarheit und Sachlichkeit. Er weist dabei auf die politische und militärische Rolle Deutschlands als handlungsfähiger und kooperationsbereiter Bündnispartner hin. Sein Handeln im multinationalen Rahmen richtet er letztlich ausnahmslos an seinen berufsethischen Grundwerten und den in ihrem Wesensgehalt unveränderlichen Grundrechten des Grundgesetzes aus;

  • erkennt die Andersartigkeit der Menschen und Führungskulturen bei seiner Tätigkeit im multinationalen Umfeld an und begegnet ihnen vorurteilsfrei und tolerant. Er ist bemüht, sich in die Denkweise und Mentalität anderer Völker und Kulturen einzufinden;

  • entwickelt einen hohen Grad an politischer Sensibilität und pragmatischer Festigkeit; er versteht es, auch mit Unterschieden zu leben;

  • versteht es, Integrationsbereitschaft und nationale Interessenwahrnehmung in auftragsbezogener Balance als Teil seiner Führungsverantwortung zu begreifen, ohne dabei seine nationale Identität aufzugeben.

 

Es ist die Aufgabe des Offiziers, als Führer, Ausbilder und Erzieher zu wirken. Er muss seine ihm anvertrauten Soldaten zu einem Team, einer Truppe formen, die im Friedensbetrieb leistungs- und einsatzwillig und im Einsatz – wo es erforderlich ist – kampfwillig sein muss.

1   Rohrmoser, Günter: "Konflikt und Konsens in pluralistischer Gesellschaft", Der Wertewandel als Herausforderung für die Bundeswehr, in: Dokumentation zum Zweiten Strausberger Symposium; Schriftenreihe AIK, Bd. 15, S. 27

2   Rohrmoser, Günter: "Konflikt und Konsens in pluralistischer Gesellschaft", Der Wertewandel als Herausforderung für die Bundeswehr, in: Dokumentation zum Zweiten Strausberger Symposium; Schriftenreihe AIK, Bd. 15, S. 27;

3   BMVg, Zentrale Dienstvorschrift 10/1 Innere Führung, Februar 1993, Nr. 110;

4   Jacobsen, Hans-Adolf/Rautenberg, hans-Jürgen: "Bundeswehr und europäische Sicherheitsordnung", Abschlussbericht der Unabhängigen Kommission für die künftigen Aufgaben der Bundeswehr, Bouvier-Verlag, Bonn-Berlin, 1991, S. 62;

5   Schmidt, Helmut: "Zeit, von den Pflichten zu sprechen", in "Die Zeit, Nr. 41 vom 03.10.97, S. 17;

6   Scherer, Werner: "Soldatengesetz und Vorgesetztenverordnung", 4. neu bearb. Auflage, München;

7   a.a.O., S. 55;

8   a.a.O., S. 57-58;

 

www.freundeskreis-panzergrenadiere.de
Artikel: ?Werte und Wertewandel – Auswirkungen für den Offizier"
Quelle: Der Panzergrenadier, Heft 15
Autor:  Generalmajor Hans-Christian Beck, Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr

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