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Bundeswehr geht in Offensive (Auszug aus dem Pressespiegel v. 21.07.09

Am 20. Juli 2009 noch waren am Montag die Auskünfte über Details der Operation spärlich, die in der Region um Kundus in Nordafghanistan gegen Aufständische geführt wurde. Denn das Vorgehen dauerte noch an, und da wollte niemand vor der Zeit Angaben über Zahlen und Ziele machen. Doch deutet alles darauf hin, dass es dort einen grundlegenden Wechsel aus der Defensive in die Offensive gegeben hat. Dabei wurde die Operation von der afghanischen Armee geführt, die auch die meisten Soldaten dazu gestellt hat.
Doch hat die Bundeswehr dazu sehr robust Unterstützung geleistet- erstmals auch mit ihren Schützenpanzern „Marder“. Die militärische Dimension ging jedoch zunächst unter, weil sich dabei auch ein tragischer Zwischenfall ereignete, als deutsche Soldaten einen Jugendlichen erschossen, der selbst anscheinend nichts mit den Angreifern zu tun hatte. Der Vorfall ereignete sich an einer Auffangstellung westlich der Ortschaft Chahar Dara (Chardara), in der die deutschen Soldaten die Operation abgesichert haben.

„Die Soldaten mussten von einem Angriff ausgehen“

Nach Bundeswehrangaben fuhr ein Kleintransporter mit offener Ladefläche, ein sogenannter Pickup, mit hoher Geschwindigkeit auf die Stellung zu. Die Soldaten hätten Warnschüsse abgegeben, doch das Auto sei weitergefahren. Daraufhin gingen die Soldaten von einem Angriff aus und schossen mit Maschinengewehren. Dabei wurde der Jugendliche getötet und zwei weitere erwachsene Männer schwer verletzt. Eine Person sei unverletzt geblieben, eine weitere sei geflohen, hieß es.
Die beiden Schwerverletzten seien im Regionalen Wiederaufbauteam (PRT) Kundus medizinisch versorgt und zur weiteren Behandlung nach Mazar-e-Sharif ausgeflogen worden, wo deutsche Sanitäter ein Feldkrankenhaus betreiben. Die Bundeswehr setzte sich mit den Angehörigen des Getöteten in Verbindung.
Nach vorläufiger Bewertung der Bundeswehr „mussten die Soldaten von einem Angriff ausgehen, so dass der Schusswaffengebrauch auf der Grundlage bestehender Einsatzregeln rechtmäßig erfolgte“.
Erste Meldungen vom Sonntagabend, wonach bei dem Vorfall zwei Personen getötet worden seien, hätten auf einem Irrtum beruht, hieß es. Die Deutsche Presse-Agentur zitierte den Gouverneur der Provinz Kundus mit der Behauptung, die Deutschen hätten Geheimdienstinformationen gehabt, wonach Talibankämpfer in einem „zivilen Fahrzeug unterwegs seien“. Nach dem Beschuss hätten die Soldaten erkannt, „dass die bewaffneten Taliban vor dem Checkpoint den Wagen verlassen hatten“. Diese Version, wonach also die Taliban die Insassen des Pickup gleichsam als Geisel genommen hätten, konnte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin nicht bestätigen.

Ein halbes Dutzend „Feindkontakte“

Er wies aber darauf hin, dass sich die Aufständischen bewusst in der Bevölkerung versteckten, um sich zu schützen, aber auch um Verluste Unbeteiligter zu provozieren. Bei der Operation kam es am Sonntag zu gut einem halben Dutzend Zwischenfällen, die die Militärs als „Feindkontakte“ bezeichnen. Würde man sie sich als rote Punkte auf einer Karte vorstellen, so wären diese in einem weiten Halbkreis zu sehen, nordwestlich, westlich und südwestlich der Stadt. Nach den Angaben von deutschen und Nato-Militärs ergab sich am Montag das Bild eines breit angelegten Vorgehens, um die Aufständischen besonders in dem Distrikt Chahar Dara (Chardara) anzugreifen. In einem Fall am Vormittag wurden drei afghanische Soldaten in einem Schusswechsel verwundet. Kampfflugzeuge wurden zur Unterstützung angefordert, doch reichte es aus, dass sie im Tiefflug über die gegnerischen Stellungen flogen. Die Aufständischen antworteten mit zwei Raketenangriffen auf das Plateau, wo die Einrichtungen von afghanischen Sicherheitskräften, Isaf und auch einer amerikanischen Sicherheitsfirma neben dem Flugplatz liegen. Insgesamt wurden fünf Raketen abgefeuert. Ein afghanischer Soldat wurde verwundet. Nachmittags wurden wieder deutsche Soldaten im Zuge ihres Vorgehens beschossen, und ein afghanischer Konvoi wurde mit einer Sprengfalle angegriffen. Ein geschütztes Fahrzeug vom Typ „Dingo“ wurde beschädigt.
Gegen vier Uhr nachmittags kam es zu dem Vorfall mit dem Pickup. Später wurden afghanische und deutsche Kräfte wieder in ein längeres Feuergefecht verwickelt. Sie forderten wieder Kampfflugzeuge an, die diesmal ihre Waffen einsetzten. Dabei wurden fünf Angreifer getötet und zwei verwundet. Sieben Aufständische wurden durch die Afghanen gefangengenommen. Am Montag kam es nur noch vereinzelt zu Auseinandersetzungen. Die afghanischen Einheiten werden durch deutsche und belgische Mentorenteams unterstützt. Sie waren es auch, die die Lufteinsätze vom Boden aus führten. Außerdem wurden seitens der Bundeswehr Soldaten der Schutzkompanie in Kundus und der schnellen Reaktionskräfte eingesetzt. Bei einer Gelegenheit setzten die Deutschen auch ihre „Marder“ ein. Die knapp 40 Tonnen schweren Schützenpanzer haben eine Maschinenkanone, die gegen ungepanzerte Gegner mit starker Wirkung eingesetzt werden kann, und ein Maschinengewehr und können sechs Infanteristen transportieren.
Sie waren Ende 2006 als „gepanzerte Reserve“ nach Mazar-i-Scharif verlegt worden, wo die deutschen Isaf-Kräfte ihr Hauptquartier für die Nordregion und eine große Nachschubbasis haben. Seit rund drei Wochen sind sie aber wegen er dort zunehmenden Feuergefechte nach Kundus verlegt worden. Einmal  wurden sie bislang außerhalb des Lagers erprobt, ehe sie jetzt - überhaupt zum ersten Mal seit Einführung in die Bundeswehr 1979 - im Gefecht eingesetzt wurden.

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